Die Künstlerin

Die Künstlerin malt Körper, indem sie mit dem Körper malt.
Der Impuls zum Malen findet bei ihr nicht im Kopf, sondern vorwiegend einen Stock tiefer statt, dort wo das Sonnengeflecht seinen Sitz hat.

Der malerische Bodensee, wo sie als Tochter eines Eisenbahners geboren wurde, wofür sie alle Eisenbahnerliebhaber beneiden, scheint ihre visuellen Fähigkeiten entscheidend geprägt zu haben. Im Dunstkreis von Eisenbahnen heranwachsend, wanderte ihr Blick oft in die Ferne, wohin sich auch die Gleise der schwäbischen Eisenbahn schlängelten.
Gleichwohl ist aus ihr keine Kunstschlänglerin geworden. Sie hat das Weiche und Gefällige, ohne Charakter, welches die Kunstschlängler so lieben, wodurch indes höchstens eine langweilige Anmut entsteht, nie gemocht.
Sie steht mit ihrer Kunst auf der richtigen Seite, und es ist erfreulich zu beobachten, wie sie sich in ihren kraftvollen Bildern gegenüber den blässlich-intelektuellen Machwerken ihrer akademischen Malschwestern aus gutem Hause abgrenzt.

Christina Hansers Kunst ist in guter Gesellschaft von Malern wie Kokoschka, Schiele und Soutine. Sie teilt mit den Ersteren deren Hang zur Expressivität, gleichwie eine antiklassische Auffassung in der Menschendarstellung, möglicherweise auch das Engagement für Diejenigen, welche im Dunkeln stehen.
Mit Soutine, dem Fleischbeschauer, dem besessenen Maler, verbindet die Künstlerin zwar nicht dessen Obsession für enthäutete Tierkörper, aber dennoch ist sie eine Verwandte in seinem Geiste.
Genauso, wie er, spürt sie mit einer besonderen Malweise, den Erscheinungsformen eines Körpers nach und ebenso feiert sie in ihren Bildern die Schönheit des Fleisches, Zudem weiss sie dasselbige malerisch so zu verfremden, dass es sogar kulinarisch animieren könnte.
Eine Kannibalin ist Christina Hanser deshalb noch lange nicht, vielleicht aber, wie so viele Malerinnen, eine gute Köchin.

Wolfgang Klee, Ausstellungsrede 2001